Gedenkworte für den 16.11.2003
von Wolf-Dietrich Frank,
Vizepräsident des Landgerichts Paderborn,
anlässlich der
Zentralen Gedenkfeier des Kreises Paderborn zum Volkstrauertag
auf dem Ehrenfriedhof Böddeken am Sonntag, 16.11.2003, 15:30 Uhr
von Wolf-Dietrich Frank,
Vizepräsident des Landgerichts Paderborn,
anlässlich der
Zentralen Gedenkfeier des Kreises Paderborn zum Volkstrauertag
auf dem Ehrenfriedhof Böddeken am Sonntag, 16.11.2003, 15:30 Uhr
58 Jahre sind inzwischen seit dem Ende des letzten Weltkrieges vergangen. Diese lange Zeit ist allein schon Grund genug für die Frage nach der Bedeutung eines Volkstrauertages und nach der Anziehungskraft der Veranstaltung, die uns heute hier zusammengeführt hat. Ist sie nur noch eine alljährliche gesellschaftliche Pflichtübung oder hat sie nach wie vor Signalwirkung auch für uns ?
Eine erste Antwort darauf fand ich in der Berichterstattung über die Rede des russischen Staatspräsidenten Putin zum 60. Jahrestag der Schlacht um Stalingrad in diesem Jahr. Zu dieser Feierstunde war auch der deutsche Botschafter als offizieller Vertreter eingeladen. Putin hat in seiner Gedenkrede die deutschen Soldaten in die Erinnerung an die 100.tausende von Soldaten, die im Kampf um Stalingrad ihr Leben gelassen haben, ausdrücklich einbezogen. Hat er damit nicht auch ein mahnendes Signal in seinem Heimatland setzen wollen für die andauernden Auseinander-setzungen zwischen den Veteranenverbänden und dem Volksbund der Kriegsgräberfürsorge um eine Ruhestätte für deutsche Soldaten im Umkreis von Moskau. Hat er dabei nicht auch unsere Botschaft des Volkstrauertages auch zu seiner Botschaft gemacht ?
Als der Landrat mich bat, die Gedenkrede zum Volkstrauertag auf diesem Ehrenfriedhof für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zu halten, habe ich mich gefragt, welche Bedeutung dieser Tag im Jahre 2003 eigentlich noch hat. Schon meine Generation hat ihr Leben bislang in Frieden verbringen dürfen und doch war und ist Krieg mal näher mal weiter weg auch unser stetiger Begleiter geblieben.
Panzer, ein Symbol für Kriegsgeschehen, rollten in unserer Heimat am 17.Juni 1953 und dann in Ungarn, der damaligen Tschechoslowakei, im fernen Korea ebenso wie in Vietnam. Fast 10 Jahre Krieg im ehemaligen Jugoslawien, Kriege in Afghanistan und auf dem afrikanischen Kontinent und in diesem Jahr der Irakkrieg haben unser Leben begleitet. Diese wie auch die zahlreichen anderen Kriege mahnen uns und sind Grund genug, das Erbe unserer Kriegsopfer zu wahren und ihrer zu gedenken.
Auch wenn wir nicht unmittelbar von dem Krieg im Irak betroffen waren, auch dann, wenn wir ihn abgelehnt oder für unvermeidlich gehalten haben, mussten wir uns zwangsläufig mit ihm auseinandersetzen, weil uns dies durch die Berichterstattung im Fernsehen geradezu aufgezwungen wurde. Die Bilder der Toten und Verstümmelten, die Bilder der Verwundeten aus den Krankenhäusern dulden kein Wegsehen.
Heute stehen wir vor den Gräbern von Toten unseres letzten Krieges, um uns von Ihnen mahnen zu lassen und sie mit unserem Andenken zu ehren. Wir ehren Sie durch unsere Anwesenheit und auch durch die traditionelle Gedenkrede, die heute zu meiner Aufgabe geworden ist.
Aber, kann es eigentlich noch etwas geben, was zu diesem Tag noch nicht gesagt worden ist, gleich ob hier oder an den vielen Orten, an denen heute solche Veranstaltungen stattfinden? Wahrscheinlich nicht.
Es kann deshalb heute auch nicht darum gehen, neue Wahrheiten zu finden. Es ist schon Verpflichtung und Rechtfertigung genug, die Botschaft des Volkstrauertages uns auch heute wieder ins Gedächtnis zu rufen. Wir alle kennen zwar diesen Gedenktag und seine inhaltliche Bestimmung. Wir können aber auch nicht leugnen, daß er für uns im täglichen Leben all zu schnell in den Hintergrund tritt,wenn wir uns nicht ihm auseinandersetzen. Lassen Sie mich deshalb daran erinnern, wo und warum wir uns heute hier zusammen gefunden haben.
Verantwortlich für Schaffung und Unterhaltung des Ehrenfriedhofs Böddeken sowie der zahlreichen weiteren Ruhestätten im In- und Ausland zeichnete damals wie heute der schon 1919 ins Leben gerufene Bund Deutscher Kriegsgräberfürsorge.
Diese Ruhestätte wurde im Jahre 1950 für Gefallene der letzten Kriegstage geschaffen. Sie wurden aus Feldgräbern oder Friedhöfen der Gemeinden des Hochstiftes hierher überführt, um hier für dauernd ihre Ruhe zu finden.
Geht man entlang an der langen Reihe ihrer Gräber, fallen die zahlreichen namenlosen Grabsteine auf. Sie machen uns betroffen, weil sie das Schicksal dieser Opfer symbolisieren, die mit ihrem Leben auch ihren Namen verloren haben und deren Angehörige sie nicht einmal am Ort ihrer letzten Ruhestätte betrauern können.
Die Gräber der Toten, deren Namen wir auf den Grabsteinen finden, zeigen mit ihrem Grabschmuck, daß diese Toten bei ihren Familien auch heute noch nicht in Vergessenheit geraten sind.
Für alle hier ruhenden Toten geht es heute aber nicht um die persönliche Trauer über ihr Schicksal, sondern um unsere Bereitschaft, ihnen den Platz in unserem Leben einzuräumen, der ihrer Ruhestätte als Mahnstätte gegen Krieg und Gewalt gebührt. Denn dies ist die Botschaft dieses Platzes an uns.
Bei den über den Ehrenfriedhof Böddeken nachzulesenden Informationen hat mich etwas besonders beeindruckt und nachdenklich gemacht:
Bei der Einweihung dieses Friedhofs vor 50 Jahren im August 1953 sollen etwa 7.000 Menschen zugegen gewesen sein.
Diese Zahl beeindruckt um so mehr, wenn man bedenkt, wie ungleich schwieriger es zur damaligen Zeit war, sich auf den Weg nach Böddeken zu machen.
Wieso sieht das heute doch sichtbar anders aus.
Eine naheliegende Erklärung könnte sein, daß die Einweihung eines Ehrenfriedhofs ein ganz herausragender Anlaß war. Sicher hat auch die Zeit Wunden geheilt und die persönliche Nähe und Verbundenheit mit den Opfern des Krieges schwächer werden lassen. Sicherlich sind auch neue Formen von Friedensinitiativen in bunter Form gewachsen und zu Alternativen geworden für das nach wie vor spürbare Bedürfnis nach Engagement in unserer Gesellschaft.
Auf der Suche nach einer Antwort für die Bedeutung der heutigen Veranstaltung habe ich gefragt, welchen Stellenwert ich diesem Tag bislang für mich ganz persönlich zugebilligt habe. Ich habe mir eingestehen müssen, daß das zunächst wohl mit Denkmalswert ebenso neutral wie richtig umschrieben werden kann. Dahinter versteckt sich bei genauerer Betrachtung dann die Zuweisung des Volkstrauertages in den Bereich der Geschichte. Geschichte hat mich zwar immer wieder gefesselt, kann aber auch als beliebig verfügbar zur Seite gestellt werden, wenn das aktuelle Tagesgeschehen uns in Beschlag nimmt. Das Gedenken an die Toten des letzten Weltkrieges hat in unserer heutigen Lebenswirklichkeit einen schwer auszumachenden Stellenwert und ist keine Selbstverständlichkeit. Schon meine Generation hat die Zeit des letzten Krieges bewusst nur noch als Nachkriegsgeschichte erlebt und für die Generation unserer Kinder wird sie nur noch als Spur in den Ahnentafeln ihrer Familien wahrgenommen, wenn die Großeltern mal wieder von Onkel Karl oder Helmut sprechen, die im Kriege geblieben sind. Aber auch diejenigen, die den Krieg selbst noch erlebt haben und die in Soldatenkameradschaften zusammengeschlossen hier heute unter uns sind, haben vieles in ihrer Erinnerung verdrängt und verklärt.
Dabei gehört das Bild der ausgemergelten, zerlumpten und mit dem Leben ringenden Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft durchaus auch noch zu meinen Kindheits-erinnerungen. Ich habe damals nur etwa 5 km entfernt von dem Lager Friedland gelebt, dem Durchgangslager für Heimkehrer aus sowjetischer Gefangenschaft. Dieses Lager war für die wenigen, denen die Rückkehr in die Heimat vergönnt war, im Jahre 1953, das Ende ihres 8 Jahre langen Leidensweges und zugleich das Tor zu einem neuen Anfang. Ich habe nicht nur die Freude und Erleichterung der heimkehrenden Soldaten über ihre Rückkehr sondern auch ihre Zukunftssorgen hautnah miterlebt, wenn ich sie als Kind auch mehr erahnen als schon begreifen konnte. Ich habe die durch Vertreibung und auf der Suche nach einer neuen Heimat Gestraften erlebt, zu denen auch meine Familie gehörte.
Gleichwohl ist das alles zur Geschichte geworden, die ich zwar nicht verdrängt habe, die aber mein Leben nicht geprägt und die keine bestimmende Bedeutung gewonnen hat. Mir, wie sicherlich vielen von uns, geht es dabei nicht anders als einem Patienten, der seine Krankheit mit Hilfe eines Arztes in den Griff bekommen hat. Mit der Gesundung sind wir zwar bereit, die mahnenden Worte des Arztes ernst zu nehmen, wie wir denn vorbeugend mit der Krankheit umgehen müssen. Aber auch, wenn wir sie dann zunächst gewissenhaft befolgen, werden sie zwar nicht vergessen aber doch mit der Zeit vernachlässigt, in der Hoffnung, der gefürchtete Rückschlag werde auch so ausbleiben.
Warum also sollten wir gleichwohl am Volkstrauertag auch als staatlicher Veranstaltung festhalten ?
Dr. Wansleben hat dazu im letzten Jahr und bei andern Gelegenheiten immer wieder darauf hingewiesen, daß die Gefallenen Opfer staatlichen Handelns gewesen sind und daß der Staat aus seiner geschichtlichen Verhaftung mit dem Geschehenen sein zukünftiges Handeln verantwortbar zu gestalten habe.
Diese besondere Verantwortung des Staates wird wohl niemand in Frage stellen wollen. Sie kommt der ganz menschlichen Neigung entgegen, überall dort Verantwortung und daraus erwachsene Pflichten dem Staat oder Anderen zu überlassen, wo wir nicht unmittelbar selbst betroffen sind. Deshalb nehmen wir ja auch dankbar an, daß es einen Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge mit nahezu 11.000 Mitarbeitern, daß es Vereine und Vereinigungen gibt, die es uns mit staatlicher Förderung zu ersparen scheinen, an der geschichtlichen Ehrenpflicht für die Opfer unseres Volkes auch persönlich mit zu tragen.
Das wird uns vielleicht auch dadurch leichter gemacht, daß diese Ehrengedenkstätte einen würdevollen Platz gefunden hat, im „Tal des Friedens„, wie sein geographischer Ort, seine Lage abseits des Tagesgeschehens und seine dadurch gegebene Ausstrahlung mit diesem Namen sicherlich zutreffend beschrieben ist.
Lassen Sie bitte einmal die Vorstellung auf sich wirken, die Ehrenfriedhöfe wären auf den Trümmern unserer Städte in deren Zentren entstanden, so daß sich ihnen niemand entziehen könnte. Es gibt gute Gründe, daß die Entwicklung eine andere war und daß die Opfer die Ruhe gefunden haben, auf die sie Anspruch haben. Um so wichtiger ist es aber, daß wir sie nicht sich selbst oder dem Staat überlassen.
Um so wichtiger ist, daß nicht nur hier in Böddeken sondern in nahezu allen Gemeinden des Kreises die Denkmale an die Toten der Kriege stehen. Wir dürfen wir uns nicht damit begnügen, die Mahnmale als historisch interessante Auskunftsquellen wahrzunehmen.
Es ist für uns wichtig, daß ihre Botschaft gegenwärtig bleibt. Sie bewahren für uns die Erinnerung. Sie fordern aber auch von uns, sie nicht zu vergessen, damit die Toten, für deren Schicksal sie stehen, in der Waagschale zwischen Krieg, Gewalt und Frieden erhalten bleiben.
Deshalb verstehe ich diesen Tag als Mahnung an mich, an uns Alle. Lassen Sie uns auch in Zukunft nicht damit begnügen, daß dieser Ehrenfriedhof als würdiger Platz der letzten Ruhe für Gefallene geschaffen worden ist.
Überlassen wir ihr Vermächtnis nicht dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge und seinen vorbildlich wirkenden Mitarbeitern allein.
Bleiben Sie mit mir unserer ganz persönlichen Verpflichtung zur Teilhabe und zum Nachdenken bewusst.
Lassen Sie mich Ihnen dafür danken, daß Sie sich durch Ihre Beteiligung zu unserer gemeinsamen Verantwortung für die Botschaft des Volkstrauertages bekennen.
Lassen Sie mich Herrn Dr. Wansleben dafür danken, daß er mich durch seine Bitte, mit der heutigen Gedenkrede Verantwortung für diese Veranstaltung zu übernehmen, an meine persönliche Verantwortung erinnert und in die Pflicht genommen hat.
Lassen Sie mich mit der Hoffnung schließen, daß ich hier heute habe sprechen dürfen, für Alle, die den Weg zu dieser Feierstunde gefunden haben und Alle, die durch Mahn- und Ehrenmale an welchem Ort auch immer an ihre ganz persönliche Verpflichtung zur Teilhabe erinnert werden.
Eine erste Antwort darauf fand ich in der Berichterstattung über die Rede des russischen Staatspräsidenten Putin zum 60. Jahrestag der Schlacht um Stalingrad in diesem Jahr. Zu dieser Feierstunde war auch der deutsche Botschafter als offizieller Vertreter eingeladen. Putin hat in seiner Gedenkrede die deutschen Soldaten in die Erinnerung an die 100.tausende von Soldaten, die im Kampf um Stalingrad ihr Leben gelassen haben, ausdrücklich einbezogen. Hat er damit nicht auch ein mahnendes Signal in seinem Heimatland setzen wollen für die andauernden Auseinander-setzungen zwischen den Veteranenverbänden und dem Volksbund der Kriegsgräberfürsorge um eine Ruhestätte für deutsche Soldaten im Umkreis von Moskau. Hat er dabei nicht auch unsere Botschaft des Volkstrauertages auch zu seiner Botschaft gemacht ?
Als der Landrat mich bat, die Gedenkrede zum Volkstrauertag auf diesem Ehrenfriedhof für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zu halten, habe ich mich gefragt, welche Bedeutung dieser Tag im Jahre 2003 eigentlich noch hat. Schon meine Generation hat ihr Leben bislang in Frieden verbringen dürfen und doch war und ist Krieg mal näher mal weiter weg auch unser stetiger Begleiter geblieben.
Panzer, ein Symbol für Kriegsgeschehen, rollten in unserer Heimat am 17.Juni 1953 und dann in Ungarn, der damaligen Tschechoslowakei, im fernen Korea ebenso wie in Vietnam. Fast 10 Jahre Krieg im ehemaligen Jugoslawien, Kriege in Afghanistan und auf dem afrikanischen Kontinent und in diesem Jahr der Irakkrieg haben unser Leben begleitet. Diese wie auch die zahlreichen anderen Kriege mahnen uns und sind Grund genug, das Erbe unserer Kriegsopfer zu wahren und ihrer zu gedenken.
Auch wenn wir nicht unmittelbar von dem Krieg im Irak betroffen waren, auch dann, wenn wir ihn abgelehnt oder für unvermeidlich gehalten haben, mussten wir uns zwangsläufig mit ihm auseinandersetzen, weil uns dies durch die Berichterstattung im Fernsehen geradezu aufgezwungen wurde. Die Bilder der Toten und Verstümmelten, die Bilder der Verwundeten aus den Krankenhäusern dulden kein Wegsehen.
Heute stehen wir vor den Gräbern von Toten unseres letzten Krieges, um uns von Ihnen mahnen zu lassen und sie mit unserem Andenken zu ehren. Wir ehren Sie durch unsere Anwesenheit und auch durch die traditionelle Gedenkrede, die heute zu meiner Aufgabe geworden ist.
Aber, kann es eigentlich noch etwas geben, was zu diesem Tag noch nicht gesagt worden ist, gleich ob hier oder an den vielen Orten, an denen heute solche Veranstaltungen stattfinden? Wahrscheinlich nicht.
Es kann deshalb heute auch nicht darum gehen, neue Wahrheiten zu finden. Es ist schon Verpflichtung und Rechtfertigung genug, die Botschaft des Volkstrauertages uns auch heute wieder ins Gedächtnis zu rufen. Wir alle kennen zwar diesen Gedenktag und seine inhaltliche Bestimmung. Wir können aber auch nicht leugnen, daß er für uns im täglichen Leben all zu schnell in den Hintergrund tritt,wenn wir uns nicht ihm auseinandersetzen. Lassen Sie mich deshalb daran erinnern, wo und warum wir uns heute hier zusammen gefunden haben.
Verantwortlich für Schaffung und Unterhaltung des Ehrenfriedhofs Böddeken sowie der zahlreichen weiteren Ruhestätten im In- und Ausland zeichnete damals wie heute der schon 1919 ins Leben gerufene Bund Deutscher Kriegsgräberfürsorge.
Diese Ruhestätte wurde im Jahre 1950 für Gefallene der letzten Kriegstage geschaffen. Sie wurden aus Feldgräbern oder Friedhöfen der Gemeinden des Hochstiftes hierher überführt, um hier für dauernd ihre Ruhe zu finden.
Geht man entlang an der langen Reihe ihrer Gräber, fallen die zahlreichen namenlosen Grabsteine auf. Sie machen uns betroffen, weil sie das Schicksal dieser Opfer symbolisieren, die mit ihrem Leben auch ihren Namen verloren haben und deren Angehörige sie nicht einmal am Ort ihrer letzten Ruhestätte betrauern können.
Die Gräber der Toten, deren Namen wir auf den Grabsteinen finden, zeigen mit ihrem Grabschmuck, daß diese Toten bei ihren Familien auch heute noch nicht in Vergessenheit geraten sind.
Für alle hier ruhenden Toten geht es heute aber nicht um die persönliche Trauer über ihr Schicksal, sondern um unsere Bereitschaft, ihnen den Platz in unserem Leben einzuräumen, der ihrer Ruhestätte als Mahnstätte gegen Krieg und Gewalt gebührt. Denn dies ist die Botschaft dieses Platzes an uns.
Bei den über den Ehrenfriedhof Böddeken nachzulesenden Informationen hat mich etwas besonders beeindruckt und nachdenklich gemacht:
Bei der Einweihung dieses Friedhofs vor 50 Jahren im August 1953 sollen etwa 7.000 Menschen zugegen gewesen sein.
Diese Zahl beeindruckt um so mehr, wenn man bedenkt, wie ungleich schwieriger es zur damaligen Zeit war, sich auf den Weg nach Böddeken zu machen.
Wieso sieht das heute doch sichtbar anders aus.
Eine naheliegende Erklärung könnte sein, daß die Einweihung eines Ehrenfriedhofs ein ganz herausragender Anlaß war. Sicher hat auch die Zeit Wunden geheilt und die persönliche Nähe und Verbundenheit mit den Opfern des Krieges schwächer werden lassen. Sicherlich sind auch neue Formen von Friedensinitiativen in bunter Form gewachsen und zu Alternativen geworden für das nach wie vor spürbare Bedürfnis nach Engagement in unserer Gesellschaft.
Auf der Suche nach einer Antwort für die Bedeutung der heutigen Veranstaltung habe ich gefragt, welchen Stellenwert ich diesem Tag bislang für mich ganz persönlich zugebilligt habe. Ich habe mir eingestehen müssen, daß das zunächst wohl mit Denkmalswert ebenso neutral wie richtig umschrieben werden kann. Dahinter versteckt sich bei genauerer Betrachtung dann die Zuweisung des Volkstrauertages in den Bereich der Geschichte. Geschichte hat mich zwar immer wieder gefesselt, kann aber auch als beliebig verfügbar zur Seite gestellt werden, wenn das aktuelle Tagesgeschehen uns in Beschlag nimmt. Das Gedenken an die Toten des letzten Weltkrieges hat in unserer heutigen Lebenswirklichkeit einen schwer auszumachenden Stellenwert und ist keine Selbstverständlichkeit. Schon meine Generation hat die Zeit des letzten Krieges bewusst nur noch als Nachkriegsgeschichte erlebt und für die Generation unserer Kinder wird sie nur noch als Spur in den Ahnentafeln ihrer Familien wahrgenommen, wenn die Großeltern mal wieder von Onkel Karl oder Helmut sprechen, die im Kriege geblieben sind. Aber auch diejenigen, die den Krieg selbst noch erlebt haben und die in Soldatenkameradschaften zusammengeschlossen hier heute unter uns sind, haben vieles in ihrer Erinnerung verdrängt und verklärt.
Dabei gehört das Bild der ausgemergelten, zerlumpten und mit dem Leben ringenden Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft durchaus auch noch zu meinen Kindheits-erinnerungen. Ich habe damals nur etwa 5 km entfernt von dem Lager Friedland gelebt, dem Durchgangslager für Heimkehrer aus sowjetischer Gefangenschaft. Dieses Lager war für die wenigen, denen die Rückkehr in die Heimat vergönnt war, im Jahre 1953, das Ende ihres 8 Jahre langen Leidensweges und zugleich das Tor zu einem neuen Anfang. Ich habe nicht nur die Freude und Erleichterung der heimkehrenden Soldaten über ihre Rückkehr sondern auch ihre Zukunftssorgen hautnah miterlebt, wenn ich sie als Kind auch mehr erahnen als schon begreifen konnte. Ich habe die durch Vertreibung und auf der Suche nach einer neuen Heimat Gestraften erlebt, zu denen auch meine Familie gehörte.
Gleichwohl ist das alles zur Geschichte geworden, die ich zwar nicht verdrängt habe, die aber mein Leben nicht geprägt und die keine bestimmende Bedeutung gewonnen hat. Mir, wie sicherlich vielen von uns, geht es dabei nicht anders als einem Patienten, der seine Krankheit mit Hilfe eines Arztes in den Griff bekommen hat. Mit der Gesundung sind wir zwar bereit, die mahnenden Worte des Arztes ernst zu nehmen, wie wir denn vorbeugend mit der Krankheit umgehen müssen. Aber auch, wenn wir sie dann zunächst gewissenhaft befolgen, werden sie zwar nicht vergessen aber doch mit der Zeit vernachlässigt, in der Hoffnung, der gefürchtete Rückschlag werde auch so ausbleiben.
Warum also sollten wir gleichwohl am Volkstrauertag auch als staatlicher Veranstaltung festhalten ?
Dr. Wansleben hat dazu im letzten Jahr und bei andern Gelegenheiten immer wieder darauf hingewiesen, daß die Gefallenen Opfer staatlichen Handelns gewesen sind und daß der Staat aus seiner geschichtlichen Verhaftung mit dem Geschehenen sein zukünftiges Handeln verantwortbar zu gestalten habe.
Diese besondere Verantwortung des Staates wird wohl niemand in Frage stellen wollen. Sie kommt der ganz menschlichen Neigung entgegen, überall dort Verantwortung und daraus erwachsene Pflichten dem Staat oder Anderen zu überlassen, wo wir nicht unmittelbar selbst betroffen sind. Deshalb nehmen wir ja auch dankbar an, daß es einen Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge mit nahezu 11.000 Mitarbeitern, daß es Vereine und Vereinigungen gibt, die es uns mit staatlicher Förderung zu ersparen scheinen, an der geschichtlichen Ehrenpflicht für die Opfer unseres Volkes auch persönlich mit zu tragen.
Das wird uns vielleicht auch dadurch leichter gemacht, daß diese Ehrengedenkstätte einen würdevollen Platz gefunden hat, im „Tal des Friedens„, wie sein geographischer Ort, seine Lage abseits des Tagesgeschehens und seine dadurch gegebene Ausstrahlung mit diesem Namen sicherlich zutreffend beschrieben ist.
Lassen Sie bitte einmal die Vorstellung auf sich wirken, die Ehrenfriedhöfe wären auf den Trümmern unserer Städte in deren Zentren entstanden, so daß sich ihnen niemand entziehen könnte. Es gibt gute Gründe, daß die Entwicklung eine andere war und daß die Opfer die Ruhe gefunden haben, auf die sie Anspruch haben. Um so wichtiger ist es aber, daß wir sie nicht sich selbst oder dem Staat überlassen.
Um so wichtiger ist, daß nicht nur hier in Böddeken sondern in nahezu allen Gemeinden des Kreises die Denkmale an die Toten der Kriege stehen. Wir dürfen wir uns nicht damit begnügen, die Mahnmale als historisch interessante Auskunftsquellen wahrzunehmen.
Es ist für uns wichtig, daß ihre Botschaft gegenwärtig bleibt. Sie bewahren für uns die Erinnerung. Sie fordern aber auch von uns, sie nicht zu vergessen, damit die Toten, für deren Schicksal sie stehen, in der Waagschale zwischen Krieg, Gewalt und Frieden erhalten bleiben.
Deshalb verstehe ich diesen Tag als Mahnung an mich, an uns Alle. Lassen Sie uns auch in Zukunft nicht damit begnügen, daß dieser Ehrenfriedhof als würdiger Platz der letzten Ruhe für Gefallene geschaffen worden ist.
Überlassen wir ihr Vermächtnis nicht dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge und seinen vorbildlich wirkenden Mitarbeitern allein.
Bleiben Sie mit mir unserer ganz persönlichen Verpflichtung zur Teilhabe und zum Nachdenken bewusst.
Lassen Sie mich Ihnen dafür danken, daß Sie sich durch Ihre Beteiligung zu unserer gemeinsamen Verantwortung für die Botschaft des Volkstrauertages bekennen.
Lassen Sie mich Herrn Dr. Wansleben dafür danken, daß er mich durch seine Bitte, mit der heutigen Gedenkrede Verantwortung für diese Veranstaltung zu übernehmen, an meine persönliche Verantwortung erinnert und in die Pflicht genommen hat.
Lassen Sie mich mit der Hoffnung schließen, daß ich hier heute habe sprechen dürfen, für Alle, die den Weg zu dieser Feierstunde gefunden haben und Alle, die durch Mahn- und Ehrenmale an welchem Ort auch immer an ihre ganz persönliche Verpflichtung zur Teilhabe erinnert werden.
