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13. November 2005: Gedenkfeier zum Volkstrauertag

Ansprache von Matthias König, Weihbischof in Paderborn,
anlässlich der Gedenkfeier zum Volkstrauertag auf dem Ehrenfriedhof Böddeken

Gedenken in der Hoffnung auf Frieden

Verehrte Anwesende, die Sie heute mit dieser Feierstunde die Opfer von Krieg und Gewalt ehren wollen!

1. Bei einer Familienfeier stießen wir neulich auf einen Karton mit alten Fotos.

Darin waren eine Reihe von Aufnahmen, die mein verstorbener Großvater während seines Einsatzes im Zweiten Weltkrieg gemacht hatte. Der Großvater hatte diese Fotos offenbar über die Zeiten des Krieges und der Gefangenschaft retten können. Es waren Fotos, die ihn und seine Kameraden an den Einsatzorten zeigten. Aber auch eine Reihe von Fotos, die verschiedene Ansichten seiner sauerländischen Heimat widergaben.

Das Betrachten dieser Bilder war für mich, der ich nie einen Krieg erleben musste, wie eine Reise in eine andere Zeit. Die Menschen, die mir von den Bildern entgegenblickten – die meisten von ihnen werden bereits tot sein – gehören zu der, wie man sie bis heute zu nennen pflegt „verlorenen Generation“ an, die die Last von zwei Weltkriegen tragen musste – so wie mein Großvater, der als ganz junger Mann im Ersten- und dann als gestandener Familienvater mit über vierzig Jahren auch noch im Zweiten Weltkrieg Soldat sein musste.
Man kann mit Recht sagen, dass die Kriege ihnen die besten Lebensjahre geraubt haben. Denn selbst wenn sie das Kämpfen überlebten – sie blieben für ihr ganzes Leben gezeichnet.

2. „Heldengedenktag“?!

Dass mein Großvater während seines Einsatzes an verschiedenen Kriegsschauplätzen Fotos von seiner Heimat bei sich trug, macht mir eines deutlich: Er hat sich, wie so viele andere der Soldaten aus den Völkern, die in den Krieg verwickelt waren, nach Frieden, nach einem Zuhause, nach seiner Familie gesehnt. Und vielleicht haben ihm die wenigen Bilder im Kleinformat in schweren Stunden Kraft und Trost gegeben. Vielleicht haben sie in ihm die Hoffnung wach gehalten, heil und gesund aus den Kämpfen zurückzukehren und selbst in aussichtslosen Situationen nicht aufzugeben.

Mir wird zudem dadurch eines ganz klar: Es waren keine „Helden“, die da in den Kampf geschickt wurden. In Deutschland, in England, in Frankreich, in Russland, in Amerika waren es Menschen, die sich auf den Schlachtfeldern nichts sehnlicher wünschten, als weit weg bei ihren Familien, in ihrer Heimat zu sein.
Sicher, es hat sie gegeben, die Kriegsbegeisterung. 1914 zogen die Freiwilligen singend in den Krieg. Doch die blutige Wirklichkeit der Materialschlachten und des Stellungskrieges hat diese Begeisterung ganz schnell in großes Entsetzen verwandelt. Es ist ein Entsetzen, das man heute noch spürt, wenn man die riesigen Soldatenfriedhöfe des I. Weltkrieges in Frankreich oder in Flandern besucht – oder heute hier auf dem Friedhof in Böddeken steht.
Ich selber erinnere mich noch gut an einen Besuch auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Langemark in Flandern: Fast 25.000 junge Menschen liegen dort unter dem gepflegten Rasen – junge Menschen, Schüler, Studenten, die sich in Kriegshysterie hatten versetzen lassen und - kaum ausgebildet - nach wenigen Wochen dort ihr Leben lassen mussten. Sie wurden „abgeknallt wie die Hasen“, wortwörtlich sinnlos „verheizt“.

Das waren keine Helden, das waren im Grunde Opfer einer Politik, die über Jahrzehnte den Krieg glorifiziert hatte. Man hat darum gut daran getan, den alten Namen des „Heldengedenktages“ für die Erinnerung an die Opfer der Kriege nach dem schrecklichen II. Weltkrieg nicht wieder aufleben zu lassen.

„Die Menschen werden nicht gescheit“ hat der Dichter Erich Kästner einmal gereimt. 21 Jahre nach dem großen Sterben des Ersten Weltkrieges ging von Deutschland der nächste, noch unvorstellbar grausamere Krieg aus.
Auch hier wurde auch hier wieder gejubelt, als die heisere Stimme des großen Volksverführers Adolf Hitler am Morgen des 1. September 1939 verkündete: „Seit fünf Uhr wird zurückgeschossen!“
Ich weiß nicht, ob dieser bestellte Jubel wirklich repräsentativ für das war, was die Menschen damals empfanden. Jedenfalls wird mir so manches Mal erzählt, dass die Hellsichtigeren bereits damals den Untergang geahnt haben.
Und der kam mit Macht: Millionen über Millionen Menschen hat dieser Krieg an Opfern gefordert: Soldaten, aber auch Frauen und Kinder, Alte und Wehrlose. Familien wurden auseinander getrieben; Kinder, die nie ihre Väter kennen gelernt haben. Friedliche Länder wurden angegriffen, ganze Landstriche wurden ausradiert – und alles unter dem Befehl eines Wahnsinnigen, der die Weltherrschaft anstrebte.
Heute – genau sechzig Jahre nach Ende des großen Grauens - wissen wir, wie sinnlos und grausam das alles war. Doch das macht die geschätzte 50 bis 70 Millionen Menschen nicht wieder lebendig, die durch die Kämpfe, aber auch an Entbehrungen und Hunger, zu Hause und auf der Flucht starben.

3. Volkstrauertag

All dieser Menschen gedenken wir an diesem Volkstrauertag. Es waren keine Helden, sondern es waren Menschen, die sterben mussten als Opfer eines skrupellosen Regimes, das bei seinem Untergang noch möglichst viele Menschen mit in den Abgrund reißen wollte.
Der Film „Der Untergang“, der vor kurzem auch im Fernsehen zu sehen war, verdeutlicht dies meines Erachtens besonders klar an einer Szene: Da sagt einer der Generäle zu Hitler: „Es hat keinen Sinn mehr, noch mehr Blut zu vergießen. Diese Menschen sind nur Kanonenfutter.“ Hitler erwidert: „Das macht nichts – dafür sind sie ja da.“

Wir gedenken heute der Opfer aller Kriege der Vergangenheit und Gegenwart: der Soldaten, der Zivilisten und der Unschuldigen.
Wir gedenken der Opfer der Gewalt: Millionen Menschen sind durch die Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern umgebracht worden: Juden, Sinti und Roma, politische Gefangene, Menschen, die als „lebensunwert“ galten.

Was unvorstellbar schien, hat sich seitdem millionenfach wiederholt: von den sowjetischen Straflagern, über die Stasigefängnisse in der DDR bis hin zum Irakkrieg – immer wieder sind Frauen und Männer, Junge und Alte Opfer von Hass und Unterdrückung, von „ethnischen Säuberungen“ und Völkermord geworden.
Und es geht weiter: Überall auf der Welt wird gekämpft, wird gemordet, werden Menschenrechte mit Füßen getreten. Die Opfer sind Menschen wir – vergessen wir das nicht!

4. Hoffnung?

Was sollen wir angesichts dieser Realitäten hoffen?
„Die Menschen werden nicht gescheit…“ hat Erich Käster gedichtet.
Wenn ich seiner Meinung wäre, wäre ich wohl nicht Priester geworden. Denn ich darf einer Botschaft glauben, zu deren zentralen Inhalten die Hoffnung gehört, dass Menschen lernen und sich ändern können.
Gerade deshalb waren und sind es immer auch Christen, die die scheinbare Utopie des Friedens hochhalten. Denn sie glauben an einen Gott, dessen Wesen die Liebe ist und der an die Fähigkeit seiner Geschöpfe glaubt, zu lieben.
Sein eigener Sohn ist Mensch geworden, um den Kreislauf von Hass, Gewalt, Krieg, Sünde und Tod zu durchbrechen.
Seitdem hat es immer wieder, auch und vor allem in Kriegszeiten, in einem Umfeld brutaler Gewalt Menschen gegeben, die an den Sieg der Liebe über den Hass geglaubt und die sich für Frieden und Verständigung eingesetzt haben.

Für mich ist das die Botschaft, die uns die Abermillionen Opfer, derer wir jetzt gedenken, am heutigen Volkstrauertag weitergeben: „Unser Tod war nicht umsonst, wenn ihr daraus lernt. Wenn ihr lernt, dass nicht Gewalt oder Macht oder Krieg eine Zukunft schafft, sondern nur der Friede und die Verständigung der Völker.“
Ich glaube an diese christliche Utopie von der Möglichkeit des Friedens und hoffe, dass einmal wirklich wird, was folgende kleine Geschichte erzählt:

„Zwischen zwei Völkern drohte ein Krieg auszubrechen. Auf beiden Seiten der Grenze schickten die Feldherren Kundschafter aus. Sie sollten herausfinden, wo man am leichtesten in das Nachbarland eingreifen könnte.
Beide Kundschafter kehrten zurück und berichteten ihren Feldherren: Es gibt nur eine Stelle an der Grenze, wo wir in das andere Land einfallen können. Überall sonst sind hohe Gebirge und tiefe Flüsse. An dieser Stelle aber, so erzählten sie, hat ein Bauer sein Feld. Er wohnt dort in seinem kleinen Haus mit seiner Frau und mit seinem Kind. Sie haben sich lieb. Sie sind glücklich. Ja, es heißt, sie sind die glücklichsten Menschen der Welt. Wenn wir über das kleine Feld in Feindesland einmarschieren, zerstören wir das Glück. Also – so sagten die Kundschafter – es kann keinen Krieg geben.
Das sahen die Feldherren wohl oder übel ein, und der Krieg fand nicht statt – wie jeder Mensch begreifen wird.“ (aus: Willi Hofsümmer, Kurzgeschichten 1, Nr. 153)


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