Banner Volksbund Paderborn


 

19. November 2006: Gedenkfeier zum Volkstrauertag

Rede von Heinz Paus, Bürgermeister der Stadt Paderborn,
anlässlich der Zentralen Gedenkfeier des Kreises Paderborn
auf dem Ehrenfriedhof Böddeken zum
Volkstrauertag 2006

Dieser Ehrenfriedhof ist in vielfältiger Weise mit der Stadt Paderborn verbunden. .Nicht von ungefähr wurde er am Meinolfustag des Jahres 1953 eingeweiht. Der Hl. Meinolf hatte im Jahre 836 die Gebeine des Hl. Liborius von Le Mans nach Paderborn begleitet. Er war der Gründer des Stiftes Böddeken, aus dessen Besitz das Gelände für den Ehrenfriedhof zur Verfügung gestellt wurde. Hier haben viele Soldaten ihre letzte Ruhe gefunden, die Ende März 1945 in den Kämpfen um den Vormarsch der Alliierten auf Paderborn gefallen sind.
Hier ruhen auch diejenigen, die Opfer einer Vergeltungsaktion wurden, nachdem bei einer der letzten Panzerschlachten des Zweiten Weltkrieges bei Hamborn südlich von Paderborn der Kommandeur der 3. US Panzerdivision auf letztlich nicht geklärte Weise ums Leben gekommen war.
Seit vielen Jahrzehnten ist das der Ort der zentralen Gedenkfeier des Volksbundes im Kreis Paderborn. Dabei war den Verantwortlichen immer klar, dass hier nicht nur Wehrmachtsangehörige ihre letzte Ruhe gefunden haben.
Der Volkstrauertag war in unserer Demokratie nie ein Tag der Heldenverehrung, er war und ist der Tag, an dem wir inne halten zur Selbstbesinnung, zum würdigen Andenken an alle, die Opfer von Hass, Krieg und Gewalt geworden sind. Für die Verantwortlichen galt dabei von Anfang an das, was Berthold Brecht in seinem Gedicht „An die Nachgeborenen" so zum Ausdruck gebracht hat:

„Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
in der wir untergegangen sind
gedenkt
wenn Ihr von unseren Schwächen sprecht
auch der finsteren Zeit
der Ihr entronnen seid".

Nicht nur hier, an vielen weiteren Orten im Paderborner Land finden wir Zeichen der Mahnung, des Erinnerns an die schlimmste Katastrophe der deutschen Geschichte, an das unsägliche Leid, das die Hitlerdiktatur über unser Land, über Europa, über die Welt gebracht hat.
Nicht weit von hier in Wewelsburg erinnert ein Mahnmal an die Opfer des Konzentrationslagers Niederhagen, in dem weit über 1.000 Menschen sterben mussten, weil Himmler die Wahnidee hatte, aus der Wewelsburg eine SS-Kultstätte zu machen. Am Busdorfwall in Paderborn steht das Denkmal für die über 800 Toten des Bombenkrieges, jener Angriffe im Januar und März 1945, bei denen Paderborn völlig zerstört wurde.
Auf den Friedhöfen des Paderborner Landes, finden sich Gräber von Zwangsarbeitern aus der Ukraine, aus Russland, aus Polen, die zu uns verschleppt wurden und hier einen viel zu frühen Tod fanden.
Das eindrucksvolle Mahnmal des dänischen Künstlers Kirkeby erinnert an die Paderbornerinnen und Paderborner, die in den Konzentrationslagern sterben mussten, weil sie jüdischer Abstammung waren.
Südlich von Kleinenberg an der B 68 ist ein Gedenkstein Felix Fechenbach gewidmet, einem Regimegegner, den die Nazis schon in den ersten Jahren ihrer Herrschaft hier - wie es zynisch hieß - „auf der Flucht erschossen haben". In vielen Kirchen, auf vielen Friedhöfen des Paderborner Landes finden wir Tafeln, Stelen mit den Namen derer, die in den Kriegen des 20. Jahrhunderts fern der Heimat gefallen sind, erinnern Gedenksteine an die Millionen Opfer von Flucht und Vertreibung.
Zahlreiche Straßen tragen die Namen deren, die sich am 20. Juli 1944 gegen die Terrorherrschaft erhoben haben und die den Einsatz für Demokratie und Freiheit für die Ehre des deutschen Volkes mit dem Tode bezahlt haben.

Diese Gedenkstätten, diese Zeichen machen deutlich:
Auch Jahrzehnte nach Ihrem Tod trauern wir als Volk gemeinsam um die vielen Millionen Menschen, die als Opfer von Hass, Krieg und Gewalt ihr Leben verloren haben, messen wir ihrem Leben damit auch über den Tod hinaus Würde und Bedeutung bei. Wir wollen diese Toten nicht vergessen, wollen die Erinnerung an ihr Leiden und ihr Sterben nicht aus dem Gedächtnis verdrängen.
Wir wissen, dass nur ein Volk, das seine Toten ehrt, fähig ist, sich selbst zu achten und verantwortlich zu handeln.

Vielen von uns ist nach über 60 Friedensjahren in unserem Land kaum noch bewusst, dass es eigentlich einer Urerfahrung der Menschen entspricht, dass Menschen zum Bösen fähig sind, zu unvorstellbarer Brutalität, zu blindem Hass, zu Terror jeglicher Art.
Durch Mahnmale, durch den Volkstrauertag werden wir darauf gestoßen, uns nicht in Sicherheit zu wiegen, ständig auch mit der Fähigkeit des Menschen zum Bösen zu kalkulieren.
Das grausame, brutale Schicksal der Opfer soll die Erinnerung in uns daran wach halten, was Menschen sich antun können, wenn Demokratie, Freiheit, Menschenrechte missachtet, wenn Unrechtsregime, wenn Kriege die niederen Instinkte bei den Menschen freisetzen.

Ich beteilige mich schon seit vielen Jahren an den öffentlichen Sammelaktionen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge.
Es ist erfreulich, wie groß die Bereitschaft der Menschen ist, die Arbeit für die Kriegsgräber, für die Gedenkstätten finanziell zu unterstützen. Ich treffe aber auch auf Ablehnung.
Im letzten Jahr hielt mir jemand, der oft bei Friedensaktionen in vorderster Front dabei ist, entgegen: „Dafür gebe ich nichts. Das ist doch rückwärts gewandt." Eine solche Position ist mir völlig unverständlich.
Die Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist konkrete Friedensarbeit.
Ja, wir hören in den Medien fast tagtäglich von kriegerischer Gewalt, von Terror und Verfolgung, ja, wir sehen die Bilder aus dem Irak, dem Sudan, aus dem Libanon. Wir registrieren das. Letztlich trösten wir uns aber doch innerlich damit, dass dies Nachrichten aus fernen Regionen sind, dass so etwas doch eigentlich bei uns nicht möglich ist.
Die Kriegsgräber, die Gedenkstätten in unserem Land, machen uns deutlich, dass das eine trügerische Sicherheit ist. Von unserem Land ist die bisher schlimmste Katastrophe der Menschheitsgeschichte vor gut 6 Jahrzehnten ausgegangen. In unserem Land sind die geistigen Grundlagen der totalitären Systeme erdacht worden, denen viele Millionen Menschen im letzten Jahrhundert zum Opfer gefallen sind. In den nach wie vor zum Paderborner Stadtbild gehörenden Kasernen, in der Senne haben viele von denen ihre militärische Ausbildung erfahren, die auf den Schlachtfeldern vom Atlantik bis zum Ural, vom Nordkap bis zur Sahara verblutet sind. Auch in Paderborn hat die Synagoge gebrannt, ohne dass das offenen Aufruhr gegen die Regierenden ausgelöst hätte.
Inder Paderborner Innenstadt stehen Tafeln, die dokumentieren, wie der von Goebbels ausgerufene totale Krieg am Ende in der totalen Zerstörung der alten Kaiser- und Bischofsstadt geendet hat. Die Tafeln machen deutlich, dass unser schönes Paderborn vor 6 Jahrzehnten so aussah, wie wir das auf den aktuellen Bildern aus dem Libanon sehen.
Aus der Erlebnisgeneration leben immer weniger. Viele aus meiner Generation haben zwar noch in den Kriegstrümmern gespielt, wissen vielleicht aus den Erzählungen ihrer Eltern, was es bedeutete, tagtäglich damit rechnen zu müssen, die Nachricht zu erhalten, dass der Sohn, der Vater, der Ehemann - wie das hieß - für „Führer, Volk und Vaterland" gefallen ist, was es bedeutet hat, mehr oder weniger schutzlos den Bombardements, dem Fliegerbeschuss zu jeder Tages- und Nachtzeit ausgesetzt zu sein.
Gerade deshalb, weil die sichtbaren Wunden des Krieges vernarbt sind, weil die meisten von uns die jetzt über 6 Jahrzehnte währende beispiellose Epoche des Friedens in Europa als pure Selbstverständlichkeit ansehen, brauchen wir Widerhaken, Steine des Anstoßes, brauchen wir vor allem die Kriegsgräberstätten, die mit der Wucht der Hunderte, ja Tausende von Grabkreuzen die Zahlen, die wir in den Geschichtsbüchern sehen, erlebbar machen.
Die Kriegsgräberstätten sind dauerhafte Belege dafür, dass die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges hier in unserer Heimat stattgefunden hat, dass Krieg, Terror und Gewalt vor nicht einmal zwei Generationen bittere Realität in unserem Land waren, dass Täter und Opfer aus der Generation unserer Eltern, unserer Großeltern stammten.
Gerade weil diese schlimme Katastrophe hier bei uns in unserem aufgeklärten Erdteil stattgefunden hat, machen uns die Kriegsgräber, machen uns die Gedenkstätten in unseren Städten und Dörfern klar, wie dünn das Eis der Zivilisation ist, auf dem wir leben, welch kostbares Geschenk es ist, dass die Generation unserer Eltern aus dem schlimmen Erlebnis der Jahre 1933 - 1945 die Konsequenz des Nie Wieder gezogen hat, dass sie aus dem Erleben der totalen Katastrophe die Kraft für eine europäische Friedensordnung geschöpft haben.

Gegen den Totalitarismus, gegen Diktatur, gegen Unmenschlichkeit, gegen die Leitidee der Nazis: „Du bist nichts, dein Volk ist alles", haben die Väter und Mütter des Grundgesetzes 1949 die zentrale Botschaft unserer Verfassung gesetzt, die gleichzeitig auch der politischen Dimension des Evangeliums entspricht:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Das bedeutet, wie es Michael Wolfssohn einmal formuliert hat: „Die Lehre heißt: Das Leben der Lebenden muss geschützt werden, Tränen über die Toten reichen nicht aus. Die Funktion der Trauer ist, das Leben zu sichern. Das bedeutet politisch: Nie wieder Aggression und Völkermord hinnehmen, nie wieder Appeasement, also Beschwichtigungen gegenüber Aggressoren und Terroristen."

Es gab lange eine Diskussion über eine angebliche kollektive Schuld des deutschen Volkes an dem Leid, was die Nazis im Namen des deutschen Volkes über die Menschen gebracht haben.
Noch im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung im Jahre 1989 haben ernsthaft deutsche Intellektuelle die Auffassung vertreten, dass die dauerhafte Teilung Deutschlands eine gerechte Strafe für diese kollektive Schuld sei. Ich habe diese Diskussion nie verstanden. Schuld ist eine rein persönliche Dimension.
Rechte und Pflichten kann man erben oder vererben, aber keine individuelle Schuld. Aber: Weil in unserem Land Demokratie, Gerechtigkeit und Menschenrechte mit Füßen getreten wurden, in unserem Namen der totale Krieg ausgerufen wurde, der sich am Ende zur totalen Katastrophe unseres Volkes ausgewachsen hat, weil viele unserer Städte förmlich ausradiert wurden, unser Land einen hohen Blutzoll, jahrzehntelange Teilung als Konsequenz eines verbrecherischen Regimes ertragen musste, haben wir eine große Verantwortung, sind wir aus unserer Geschichte verpflichtet, besonders wachsam zu sein.
Wir sind es all denen, die auf diesem Ehrenfriedhof ruhen, allen Opfern von Terror und Gewalt, an die in unseren Städten und Gemeinden auf die unterschiedlichste Weise erinnert wird, schuldig, immer dann die Stimme zu erheben, wenn in Vergessenheit gerät, welch ein kostbares Gut die Demokratie ist, wenn aus tagespolitischer Frustration unser politisches System in Frage gestellt wird, dem wir über 6 Jahrzehnte Frieden verdanken.
Aus dieser unserer Verantwortung schulden wir aktives Engagement für die Durchsetzung der Menschenrechte weltweit, müssen wir vor allem engagiert für Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit eintreten, für die Freiheit der Presse, muss es uns alarmieren, wenn uns Extremisten mit Terrordrohungen Sprech- und Denkverbote abpressen wollen.
Hitler und seine Clique konnten unser Volk nur deshalb in den Krieg führen, unbeschreibliche Verbrechen im Namen unseres Volkes begehen, weil es keine Meinungsfreiheit in unserem Land gab, weil Zeitungen und Rundfunk gleichgeschaltet waren, weil anders Denkende aus dem Land getrieben, eingesperrt, umgebracht wurden.
Deshalb ist es auch das Vermächtnis derer, die ihre letzte Ruhe in diesem stillen Tal gefunden haben, die Freiheitsgarantien unseres Grundgesetzes dauerhaft offensiv durchzusetzen.
Wir wollen Ihnen, wir wollen all denen, an deren grausames Schicksal die Gedenksteine, die Mahntafeln, die Straßenschilder im Paderborner Land erinnern, ein ehrendes Andenken bewahren. Wir wollen und werden sie nicht vergessen.
Wir versprechen Ihnen, uns mit allem Nachdruck dafür einzusetzen, dass Hass, Unmenschlichkeit, Terror und Gewalt in unserem Land, in Europa nie wieder die Überhand gewinnen sollen.
Wir versprechen engagierten Einsatz für die zentrale Botschaft unseres Grundgesetzes:

Die Würde des Menschen ist unantastbar.


Kreisverband Paderborn im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.
- Kreisgeschäftsstelle - Aldegreverstr. 10 - 14, 33102 Paderborn
Telefon (0 52 51) 3 08 - 5 16, Telefax (0 52 51) 3 08 - 89 51 61
Mail: volksbundpb@kreis-paderborn.de , Internet: www.volksbund-kreisverband-paderborn.de