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07. Juli 2007: 40 Jahre Soldatenfriedhof Bourdon

Ansprache 40 Jahre Soldatenfriedhof Bourdon Juli 2007
Landrat und Oberkreisdirektor a.d. Dr. Wansleben,
Vorsitzender Volksbund Kreisverband Paderborn, Landesvorstand NRW

Die vielen Gefallenen der früheren Kriege ließen ein Heimholen der sterblichen Überreste von Gefallenen nicht zu. Wer fiel, der blieb. Der Tod bestimmte und bestimmt den Ort der Bestattung, jedenfalls das Land der Bestattung, der Beisetzung, soweit eine solche überhaupt erfolgte oder erfolgen konnte. Hier in Frankreich finden wir die großen Soldatenfriedhöfe des ersten und auch des zweiten Weltkrieges. Hier liegen und ich greife wahllos von einem der unzähligen Kreuze in der Mitte nach Westen zu heraus der 18 jährige Walter Petermichel, der 19 jährige Kurt Schröder, 25 jährige Gerhard Thamm und die vielen anderen, deren Namen und überwiegend junges Lebensalter Sie von den Kreuzen ablesen können. Ein großer Teil der Toten wäre heute um die 85 Jahre alt und -könnten wir die Geschehnisse rückgängig machen- würden theoretisch immer noch etwa 2500 alte Herren zu uns (zum Hochkreuz) kommen.

Ich möchte anlässlich des Gedenkens der 40 Jahre, die dieser Soldatenfriedhof hier offiziell besteht, heute Danke sagen. Danke auch und hier besonders an unsere Französischen Freunde und Frankreich dafür, dass die deutschen Gefallenen, die während ihres Lebens ja nicht als Freunde hier anwesend waren, im Tode eine gute Heimat finden durften. Es ist gleichzeitig ein Zeichen französichen Großmutes und der Freundschaft zwischen den Völkern, mit diesen Soldatenfriedhöfen und auf diesen Soldatenfriedhöfen den Hinterbliebenen der gefallenen Soldaten einen authentischen Ort der Trauer anzubieten.

Ich danke herzlich und weiß gleichzeitig, dass die deutschen Besucher dieser Friedhöfe auch um das Leid der betroffenen französischen Familien, um das Schicksal der französischen Gefallenen und schrecklichen Opfer in gleicher Weise wissen und trauern. Auch im Krieg ist Unrecht begangen worden, wir verschließen davor nicht die Augen, sondern schämen uns. Versöhnung über den Gräbern begrenzt sich nicht auf deutsche Soldaten, Versöhnung setzt Partnerschaft voraus und ich kenne die heute große Verbundenheit vieler französischer und deutscher Soldaten, und um deren Willen, dass ein solcher Krieg sich nicht wiederhole, dieser Wille ist uns auch Mahnung und Vorbild. Franzosen und Deutsche haben mit den Soldatenfriedhöfen, mit dem Willen zur Versöhnung in der Erkenntnis, dass es keinen Krieg zwischen Deutschen und Franzosen mehr geben kann, ein leuchtendes Zeichen gesetzt. Zu wünschen ist, dass dieses Zeichen und dieses Band zwischen zwei davor sich knapp 200 Jahre immer wieder bekriegenden Nachbarn zum Vorbild in der Welt wird.

Hier in Bourdon meine Damen und Herren erinnern unter anderem zwei große Straßen an das Ende der beiden Weltkriege des blutigsten Jahrhunderts der Menschheitsgeschichte, der beiden Weltkriege des letzten Jahrhunderts. Die Rue du 11. Novembre 1918 lässt uns denken an den Waffenstillstand im Wald von Compiègne und die Rue du 8. Mai 1945 erinnert an die Kapitulation der Deutschen nach dem 2. Weltkrieg. Ich kann gut verstehen, dass unsere französischen Freunde sich dieser Tage als Ausgleich für das viele Elend und auch als Zeichen nationaler Identität besinnen. Auch wir Deutsche denken an den 8. Mai 1945 als einen Tag, der letztlich die Grundlage für unser geeintes und friedliches Europa gelegt hat.

Dieser Soldatenfriedhof wird vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge betreut. Der Krieg, über den wir als Volksbund sprechen und an den wir hier mit dieser Kriegsgräberstätte über die Kriegstoten erinnern, ist nicht definiert über das Kriegsende mit seiner tiefer Erschütterung jenseits und Siegessymbolen und Lorbeerkränzen diesseits der Fronten.

Krieg, meine Damen und Herren, an den wir hier denken, ist beileibe natürlich auch nicht die Fanfaren seines jeweiligen Beginns am 1. oder 3. August 1914 oder am 1. September 1939 und auch nicht die Emser Depesche. Krieg in unserem Denken sind auch nicht die scheinbaren Höhepunkte und Schlachten. Krieg ist für uns heute und hier, für die, die Kriegsgräber in aller Welt besuchen, nicht die Stunde der Siegerpose des Siegers und die Demut des Verlierers.

Das Thema auf einem Kriegsgräberfriedhof ist unmittelbarer und elementarer: Uns geht es um Kriegstot, um Elend und Verzweiflung als die brutale und erbärmliche (...—...) Scheiße mitten im Krieg. Gemeint ist nicht das abstrakte Elend, uns trifft vielmehr der elende Tod des Einzelnen, das Erschlagensein und Erschlagenwerden, das Verrecken, das Verscharrtwerden danach. Uns berührt die Trauer der Hinterbliebenden, der Familien, der Ehefrauen, der Kinder. Das, was jeder Einzelne davor und dadrin mitten im Krieg erlebt hat und im elenden Sterben erfahren hat, das ist es, was Freund und Feind auf unseren Kriegsgräberstätten erschaudern lässt. Und darum geht es auf unseren Kriegsgräberstätten. Das ist es aber auch, was in gegenseitiger Erschütterung zu einem großen Teil zu der tiefen Freundschaft geholfen hat, die die Soldaten jenseits und diesseits der Front heute füreinander empfinden. Dieser Schrecken, dieses Elend und seine Vermeidung und Ächtung sind der Ausgangspunkt unseres Denkens, wenn wir vom Frieden über den Gräbern sprechen. Dieses Elend hat einen Tiefgang, eine Dimension, die jedes spätere kleinliche Aufrechnen in seine Grenzen zu verweisen hat.

Wir wollen mit unseren Kriegsgräberstätten auch nicht etwa nur an ein Kapitel unserer Geschichte erinnern, um so den Geschichtsunterricht an unseren Schulen zu vertiefen und einen Kloß Trauer auf die abstrakt gelernte Geschichte für junge Menschen auftürmen. Nein, das Problem ist, dass in jedem von uns, in jedem von uns Gut und Böse verankert ist und Geschichte leider nach Wiederholung brüllt, wenn es nicht gelingt, die fürchterliche Erinnerung an dieses Elend, das emotionale Empfinden für und an diese Katastrophe der vielen so lebendig zu halten, dass wir alle immer und in jedem Krieg der Zukunft wissen, welche Schuld wir auf uns laden, wenn wir dieses Elend nicht verhindern können.

Im Glaubensbekenntnis bekennt das christliche Europa, dass Christus nach seinem Tode am Kreuz, nach dem Elend dieses erbärmlich und menschlich gescheitert wirkenden Lebens zunächst abgestiegen ist zu der Hölle (heute leichtfertig übersetzt als „Reich des Todes“). Ich glaube in der Tat, dass die Auferstehung nur begreifen und schätzen kann, wer abgestiegen ist zum Elend des Todes, und, dass den Frieden nur begreifen und schätzen und lieben kann, wer dieses Elend empfunden hat und mit Schmerzen empfindet. Immer mal fragen sich nachdenkliche Frauen und Männer, warum Gott dieses Elend, diese persönliche Katastrophe, dieses Leid nicht verhindert hat und zweifeln. In Karpacz, in Polen, neben der berühmten Stabkirche Wang haben die Polen eine Holzfigur des Lazarus aus dem Johannesevangelium vor die Gedenktafel für die Toten gesetzt und damit deutlich gemacht, dass Christus zur Verwunderung auch seiner zeitgenössischen Umgebung nicht zu spät kam, um seinen bereits in der ersten Verwesung liegenden Freund Lazarus zu erwecken.

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat sich bewusst unter das Zeichen der fünf Kreuze gestellt und auch die Kriegsgräberstätten unserer französischen Freunde, die der Amerikaner und Engländer sind unter Kreuzen symbolisiert. Die Auferstehung nach dem Abstieg in das Elend der Hölle zeigt das Angebot der göttlichen Versöhnung auch in die Hölle und in das Elend hinein und bestärkt uns, uns auf den Weg der Versöhnung über den Gräbern zu machen. Gleichzeitig zeigt es aber auch, dass wir die Friedenserhaltung im Sinne der Vermeidung des kriegerischen Elends nicht schlicht Gott übertragen können, Christus war weder weltlich König der Juden noch ist er Friedensfürst unserer irdischen Dinge, sondern es macht ganz deutlich, dass wir Menschen selbst verantwortlich sind für die Erhaltung eines weltweiten Friedens, einer Ordnung in Gerechtigkeit zwischen den Menschen und Völkern auf Erden. Es ist die Aufgabe unserer Zeit, es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass wir uns über die nationalen Grenzen verstehen, zu einem gemeinsamen Denken und zu gemeinsamer Toleranz und Zuneigung finden. Ich bin persönlich fest davon überzeugt, dass es in Europa und darüber hinaus erforderlich sein wird, ganz wortwörtlich auch eine gemeinsame Sprache zur Grundlage gemeinsamen Denkens und Verstehens zu schaffen oder zu erklären und als zweite Sprache zu verpflichten, um langfristig allen Menschen das gemeinsame Verstehen und Verständigen, das gemeinsame Nachdenken zu ermöglichen. So sehr ich mich über die Aussöhnung zwischen den Franzosen und den Deutschen freue, so notwendig ist es, dass dieser Zustand und die Verständigung zu allen unseren gemeinsamen Freunden in Europe in gleicher Weise gelingen möge. Es reicht nicht aus, in Europa eine gemeinsame Währung zu haben, es ist erforderlich, neben dem Pekuniären, dem Wirtschaftlichen die persönliche Annäherung zu vollenden und zu ermöglichen. Unsere Staatsmänner sind hierzu auch als Auftrag des Sodatenfriedhofes von Bourdon erneut aufgerufen. Der Geste unserer Staatsmänner und Frauen, sich zügig -zwischen Frankreich und Deutschland noch am Tage der Amtseinführung- zu besuchen und auszutauschen, müssen Taten folgen, die zur Vertiefung der Freundschaften und zur Vertiefung des Verstehens aller Menschen selbst folgen. Wir haben die Vollendung nicht geschafft, ja, die Vollendung des Friedens ist immer währender Traum, Ansporn und als fortwährender Weg unser Ziel.

Ich wünsche uns, dass es uns gelingt, unserer Jugend auch mit dem Herzen die Erschütterung begreiflich zu machen, das Elend und die Kälte fühlbar zu machen, die von jedem einzelnen Grab der Soldatenfriedhöfe in der Welt ausgeht. Der kalten Schrecken dieses Elends möge uns allen und unseren Kindern helfen, auf dass der tötende Krieg aus unserer Welt verbannt werde! Dann und so erfüllen wir das Vermächtnis der Gefallenen unserer Soldatenfriedhöfe, dann haben 40 Jahre Soldatenfriedhof Bourdon einen weit über das Andenken der Gefallenen hinausreichenden, diesen Gefallenen gerecht werdenden tiefen Sinn.


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