Worte des Gedenkens von Georg Freiherr von und zu Brenken
anlässlich des Volkstrauertages 2011 Zentrale Gedenkfeier des Kreises Paderborn auf dem Ehrenfriedhof Böddeken am Sonntag, 13.11.2011, 15:30 Uhr
anlässlich des Volkstrauertages 2011 Zentrale Gedenkfeier des Kreises Paderborn auf dem Ehrenfriedhof Böddeken am Sonntag, 13.11.2011, 15:30 Uhr
Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Hier im Gedenken Versammelte!
Sehr geehrte Mitbürger!
Anfang diesen Monats wurde ein packendes Stück Zeitgeschichte im Fernsehen wiedergegeben: Im Kriegsjahr 1942 torpedierte ein deutsches U-Boot das britische Schiff „Laconia“, weil man es als Truppentransporter eingestuft hatte. Als der deutsche U-Boot-Kommandant erkennt, dass Passagiere und Kriegsgefangene an Bord waren, nimmt er sich der Überlebenden an.
Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess waren diese und davon ausgehende weitere Handlungen zur Rettung der Menschen, die an Bord der „Laconia“ waren, Gegenstand einer besonderen juristischen Wertung. Hier waren viele Tote beklagt, und dieser Film ist letztlich auch ein Erinnerungswerk an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.
Der Volkstrauertag ist ein alljährlich wiederkehrender stiller Gedenktag, an dem wir besonders der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft gedenken. Aber reicht diese „pauschale Erklärung“ aus?
- an den Gräbern der über 55 Millionen Kriegstoten,
- an den Gräbern der gefallenen Bürger unseres Kreises,
- an den Gräbern von Müttern und Mädchen, Greisen und Kindern, die im Flammenmeer der zerbombten Städte ihr Leben ließen,
- an den Gräbern unserer Söhne und Väter, die der Krieg auf dem Schlachtfeld oder hinter Gittern und Stacheldraht hinwegraffte, bevor sich ihr Leben erfüllte,
- an den Gedenkkreuzen oder unbekannten Gräbern der Vermissten vielen tausend Menschen, die auf der Flucht ihr Leben ließen,
- an das unsagbare Leid der vielen Witwen und Waisen, der vielen Kriegshinterbliebenen und Kriegsbeschädigten,
Ich sage NEIN! Denn wir werden vergebens eine Antwort auf die Frage nach Recht und Gerechtigkeit suchen. Hier kann nur der eine befriedigende Antwort finden, der nach den echten, ewigen und unvergänglichen Werten sucht, die wir für unser Leben brauchen.
Was hier auf dem Ehrenfriedhof die schlichteren Steinkreuze auf dem Gräberfeld verkünden, ist ein Innehalten und Gedenken in der Hoffnung, dass solch eine Zeit, wie sie uns die Weltkriege brachte, nicht mehr wiederkehrt.
Unser gemeinsames Gedenken gilt diesen Menschen, sie werden für uns unvergessen bleiben. Sie haben durch ihren Tod eine Brücke geschlagen, eine Brücke der Versöhnung und des Friedens zwischen den Menschen und den Völkern, zumindest hier in Europa.
Krieg, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen bestimmen aber leider unser Leben immer noch, auch in diesem neuen Jahr-tausend. Jeden Tag bringen die Nachrichten grausame Bilder. In vielen Teilen unserer Erde gibt es Konflikte und blutige Kämpfe, Hunger und Leid, fast dauerhaft sind Flüchtlinge aus politischen oder religiösen Gründen einer Verfolgung ausgesetzt. Die „Persönlichkeiten“ der Menschen, die ums Leben kommen, verschwinden hinter statistischen Zahlen. Zu schwierig scheint der Weg, die Probleme friedlich zu lösen. Der Griff zur Waffe ist zu einfach geworden. Und dabei ist die Sehnsucht nach Frieden und Versöhnung bei den meisten Menschen unverändert groß.
Die Hoffnung, dass die Menschen aus dem Schrecken der Kriege und Konflikte lernen würden, hat sich leider nicht erfüllt. Die Grausamkeiten der Kriege scheinen zu verblassen. Kriegsgräberstätten gehören zu den wenigen Orten, an denen Geschichte sichtbar wird. Es sind Stätten des Gedenkens an millionenfaches Leiden.
Kriegsgräberstätten, so auch dieser Ehrenfriedhof, können Kriege und kriegerische Auseinandersetzungen nicht verhindern, aber sie bringen uns zum Nachdenken. Und wenn wir an den Kreuzen stehen, dann wissen wir, dass von hier die beste Mahnung zu Frieden und Versöhnung ausgeht.
Und wir denken schaudernd weiter an
- nicht endend wollende Gräberreihen
- die Baracken der Konzentrationslager
- gedemütigte Menschen
- zerfetzte Leiber
- verbrannte Landstriche
- riesigen Flüchtlingstrecks
- und ausgemergelte Menschen und die Eisenbahnwaggons der Spätheimkehrer.
Jeder wird an diesem Tag andere Bilder vor Augen haben. Manche an ein vergilbtes Foto aus glücklicheren Tagen, andere an einen Stapel Feldpost und Briefe, als das Einzige, was ihnen von einem Menschen geblieben ist, der durch Krieg, Verfolgung oder Flucht das Leben verlor.
Allein infolge des 2. Weltkrieges sind 55 Millionen Menschen damals weltweit getötet worden und jüngere Untersuchungen sprechen von noch viel größeren Verlusten. Hinzu kommen Millionen Menschen, die verwundet und entsetzlich verstümmelt wurden. Allein in Deutschland wuchsen fast 2,5 Millionen Kinder als Kriegswaisen oder Kriegshalbwaisen auf, damit unvorstellbar ist das Leid der Mütter, der Kriegerwitwen.
Das sind Zahlen, vor denen unsere Vorstellungskraft versagt.
Der 2. Weltkrieg wirft lange Schatten. Er ist ein ferner, doch kein abgeschlossener Teil unserer Vergangenheit. Die Erfahrung seiner Schrecken gehört zu unserer nationalen Identität und prägt auch das Selbstbild unserer Nachbarstaaten. Die europäische Einigung entsprang dem festen Willen, das Zeitalter der Kriege zu überwinden und dauerhaften Frieden auf unserem Kontinent zu sichern.
Nach wie vor aber ist Gewalt weltweit verbreitet. Nach wie vor werden Menschen in vielen Teilen der Welt Opfer von Krieg, Verfolgung, Vertreibung und Terror. Auch mit diesen gegenwärtigen Schrecken müssen wir uns am Volkstrauertag auseinandersetzen.
Dazu gehört auch, dass wir der jungen Soldaten gedenken, die heute in Afghanistan oder in anderen Teilen der Welt ihren Dienst tun und ihr Leben riskieren oder sogar lassen, um den Aufbau eines Staates zu unterstützen, in dem die Menschenrechte gelten; ja, sie zu verunglimpfen wie auch gelegentlich geschehen, schürt neuen Hass und trägt nicht zum Frieden in der Welt bei.
Trauer lässt sich nicht staatlich verordnen, sie ist ein sehr persönliches Gefühl. Mitfühlen, gemeinsames Erinnern und Gedenken bringen zum Ausdruck, dass die unmittelbar Betroffenen nicht allein sind, dass wir uns als Gemeinschaft empfinden, die sich zur Friedfertigkeit bekennt.
Der Volkstrauertag darf sich nicht in der Rückschau und in der Tradition erschöpfen.
Er ist ein sehr aktueller Gedenktag, an unsere Toten aus beiden Weltkriegen, an alle Verwandten und Freunde, aber auch an alle die außerhalb von Kriegen durch Menschenhand, ob Jung oder Alt, absichtlich getötet wurden. Einen solchen Tag brauchen wir. Er schützt vor dem Vergessen und Verdrängen. Er mahnt uns, aus den Schreckensbildern der Vergangenheit die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Daher heißt unsere Losung: Gegen Krieg und Gewalt – für Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit.
Bekennen wir uns zum Wert des Lebens!
