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Ansprache

Marlene Lubek
Vorsitzende der Paderborner Frauenverbände

anlässlich der Eröffnung der Ausstellung

„Gräber mahnen zum Frieden"

am Donnerstag, 26.10.2006,17:00 Uhr, im Foyer des Kreishauses Paderborn

Sehr geehrter Herr Dr. Wansleben, meine Herren und Damen,

wenn man von Kriegsgräbern spricht, assoziiert man im allgemeinen die Gräber gefallener Soldaten in vielen Ländern an den Stätten des Krieges.

Ich danke Herrn Dr. Wansleben, dass er mir Gelegenheit gegeben hat, im Rahmen der Eröffnung dieser Ausstellung einige Gedanken und Erinnerungen aus meiner persönlichen Erlebniswelt darlegen zu dürfen, gibt es doch auch unzählige Kriegsgräber und Leid von Frauen! Gestatten Sie mir bitte einen Rückblick auf die Kriegs- und Nachkriegszeit.

Meine Herren und Damen, geboren 1935, gehöre ich einer Generation an, die die Schrecken des letzten Krieges in Deutschland miterleben musste, und gerade im Kindesalter vertiefen sich Kriegserlebnisse, die in Erinnerung bleiben und zu gegebener Zeit immer wieder wach werden. So ging es mir bei den Überlegungen zu dem, was ich Ihnen sagen möchte.

Ich war gerade 4 Jahre alt, als mein Vater 1939 eingezogen wurde, ich erlebte meine Mutter in ständiger Angst, er könnte gefallen sein - bei jedem Brief oder Radiodurchsagen war sie beunruhigt. In der Zeitung mehrten sich die Anzeigen der Gefallenen. Ich erlebte meine Großmutter, die mit meinem Großvater - evakuiert aus Kassel - bei uns in Salzkotten lebte, als sie die Nachricht vom Tod ihres ältesten Sohnes erreichte, gefallen für Führer, Volk und Vaterland in Salerno, wo er auch begraben wurde. Wochenlang beschäftigte sie die Frage: Warum? Und ich erinnere mich an ihr verstörtes Weinen! Ich erinnere mich an das schmerzvoll verzweifelte Weinen unserer Nachbarin, als sie die Nachricht bekam, dass auch der zweite Sohn gefallen war, und ich erlebte die Trauer der Mutter meiner besten Freundin, deren Mann in Stalingrad vermisst war und nie mehr zurückkehrte und sie nicht wusste, wie das Leben mit 4 Kindern weitergehen sollte.

Es gab - auch in Salzkotten - Familien, wo Vater und Söhne gefallen waren. Es gab unzählige Ehefrauen, Mütter und Schwestern, deren Leid unermesslich war!

Warum erzähle ich Ihnen das?

Ich möchte damit in Erinnerung rufen, dass Kriege ein ganzes Volk in Angst und Not stürzen, so wie wir es jeden Tag durch die Medien erfahren und wir dankbar sein können, dass wir schon so lange Frieden haben. Der Krieg war 1945 zu Ende, aber die Angst der Frauen und Mütter ging weiter. Als Fahrschülerin seit 1946 in Paderborn die Pelizäusschule besuchend, erlebte ich die Heimkehrerzüge, sah wie Frauen mit Bildern ihrer vermissten Söhne und Männer am Zug entlang liefen in der Hoffnung, dass sie jemand der Heimkehrer gekannt, gesehen hätte und etwas von ihren Schicksalen wusste. Bis weit in die 50er Jahre kamen diese Züge.

Mich berührte das damals besonders, war mein Vater seit 1944 auch vermisst. Erst Ende November 1948 erfuhren wir, dass er noch lebte und er kam mit einem der Züge zurück.
Frauen bangten um ihre Männer und Söhne und während des Krieges durchlebten sie mit ihren Kindern fürchterliche Bombenangriffe, oft auf dem Weg in die Luftschutzkeller von Bomben getötet - sie ertranken beim Untergang der Flüchtlingsschiffe. Sie erlebten grauenvolle Verbrechen, wurden vergewaltigt und verschleppt. Sie blieben zurück als Kriegerwitwen, wurden bekannt als Trümmerfrauen und versuchten - nach Rückkehr der Männer aus dem Krieg wieder die Familie zu vereinen, was nicht immer gelang, waren sich die Partner oft fremd geworden, so wie es der Film „Das Wunder von Bern" zutreffend darstellt, und wie ich es auch z. T. erlebt habe - mein Vater war zunächst ein fremder Mann für mich! Die heutige Ausstellung heißt: „Gräber mahnen zum Frieden". Ich wollte die Gelegenheit nutzen, darzulegen, dass Gräber am Ende eines schrecklichen Geschehens stehen, eines Geschehens, das von Anfang an Leid über die Menschen bringt, und es mir ein besonderes Anliegen war, einmal Frauenschicksale in solch einem Geschehen zu beleuchten.

Möge diese Ausstellung dem Willen zum Frieden dienen! Ich danke Ihnen dafür, dass Sie mir zugehört haben!  

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