08. Juli 2021

Ehemalige KZ-Baracke restauriert:

„Hier entsteht ein authentischer Lernort, der es ermöglicht, Geschichte real zu erfahren“

Bürgermeister Burkhard Schwuchow (Büren), Marcel Zorn (Gröne Architektur), Museumsleiterin Kirsten John-Stucke (Kreismuseum Wewelsburg) und Landrat Christoph Rüther (Kreis Paderborn); Foto: ©Kreismuseum Wewelsburg 
Der neue Ge-Denk-Ort: Ehemalige KZ-Baracke (Anbau der ehemaligen KZ-Häftlingsküche) in Wewelsburg (Foto: André Heinermann ©Kreismuseum Wewelsburg)

Wenn jene, die das Leid eines Krieges, Terror, Verfolgung und Vertreibung miterleben mussten, nicht mehr ihre Geschichten erzählen können, muss ein anderer Weg gefunden werden, um an all das zu erinnern. Steinerne Zeitzeugen gewinnen zunehmend an Bedeutung, da Geschichte an authentischen bzw. historischen Orten unmittelbar erfahrbar ist. Und manchmal sind es Wände, die diese Geschichten atmen und erzählen. Die ehemalige Häftlingsbaracke bei Wewelsburg ist ein solcher Ort. Sie gehört zusammen mit der ehemaligen Häftlingsküche zu den wenigen noch erhaltenen Gebäuden des KZ Niederhagen, das der Kreis Paderborn in den vergangenen Monaten hat restaurieren lassen. „Hier soll ein authenthischer Lernort entstehen, der es ermöglicht, Geschichte real zu erfahren“, sagte Landrat Christoph Rüther bei der Eröffnung der restaurierten und unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes. Denn Geschichte bedeute immer auch, Verantwortung zu übernehmen. Ab Samstag, 10. Juli, können sich Besucherinnen und Besucher bis Ende September an jedem Wochende, samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr, einen Eindruck von diesem Gebäude und seiner Geschichte machen.

Der Eintritt ist frei.

Bürgermeister Burkhard Schwuchow (Büren), Marcel Zorn (Gröne Architektur), Museumsleiterin Kirsten John-Stucke (Kreismuseum Wewelsburg) und Landrat Christoph Rüther (Kreis Paderborn); Foto: ©Kreismuseum Wewelsburg 
Bürgermeister Burkhard Schwuchow (Büren), Marcel Zorn (Gröne Architektur), Museumsleiterin Kirsten John-Stucke (Kreismuseum Wewelsburg) und Landrat Christoph Rüther (Kreis Paderborn); Foto: ©Kreismuseum Wewelsburg

Bis 2016 sahen die Pläne noch anders aus. Ursprünglich sollte die Baracke in die Erweiterung des alten Feuerwehrgerätehauses miteinbezogen und nur ein kleiner Teil des Gebäudes als Ge-Denk-Ort genutzt werden. Beim Umbau wurde auf einem Holzbalken ein polnischer Satz „Es lebe das Königreich Polen“ von einem Insassen gefunden und damit der Beleg, dass es sich um originale Bausubstanz handelt. Ein Baustopp wurde verhängt, das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. Der Kreis Paderborn kaufte die Baracke 2018 von der Stadt Büren ab. Mittlerweile konnten auch die Raumpläne der Feuerwehr gelöst werden, „ich bin sehr froh, dass die Baracke jene Bedeutung bekommen hat, die ihr zusteht, betont Bürens Bürgermeister Burkhard Schwuchow.

Die originalen baulichen Überreste vermitteln auf besondere Weise Bezüge zum Konzentrationslager Nieederhagen und dem späteren Flüchtlingslager. Sie ist ein Bauwerk, das die die lokale und regionale Geschichte Wewelsburgs, Westfalens und letztlich auch Deutschlands in herausragender Weise geprägt hat. „Gleichzeitig bietet sich die einzigartige Chance, an dem Baudenkmal sowohl auf die Verbrechen der NS-Zeit als auch auf die Themen Flucht und Vertreibung hinzuweisen“, betont die Museumsleiterin Kirsten John-Stucke. Ziel sei es, die Nutzungsphasen des Lagergeländes sichtbar zu machen und die Geschichten jener zu erzählen, die zu verschiedenen Zeiten in dem Gebäude gearbeitet oder gelebt haben.

Bürgermeister Burkhard Schwuchow (Büren), Marcel Zorn (Gröne Architektur), Museumsleiterin Kirsten John-Stucke (Kreismuseum Wewelsburg) und Landrat Christoph Rüther (Kreis Paderborn); Foto: ©Kreismuseum Wewelsburg 
Die Detailaufnahme des Fußbodens in einem Raum des Anbaus zeigen deutlich sichtbar die Ergebnisse der restauratorischen Überarbeitung. (Foto: André Heinermann ©Kreismuseum Wewelsburg)
 

Der Kreis Paderborn kaufte im vergangenen Jahr das alte Feuerwehrgerätehaus, also die ehemalige Häftlingsküche, sowie die neue Fahrzeughalle an und wird sie zukünftig für die Zusammenlegung des Kulturamtes in Wewelsburg nutzen.

Die Baracke wurde in den vergangenen drei Jahren in zwei Bauabschnitten - mit Förderung durch EFRE-Mittel der Europäischen Union und durch das Heimatministerium NRW (80% Förderungen) saniert. Rund 400.000 Euro wurden investiert, um das historische Gebäude als regionales Baudenkmal zu erhalten und für die historisch-politische Bildungsarbeit des Kreismuseums zu nutzen.

Zur Geschichte des Ortes:

Das KZ Niederhagen wurde 1940/41 auf diesem Gelände errichtet. Die Häftlingsküche mit dem Anbau wurde vermutlich 1941 gebaut. Der Anbau, der jetzt zum Ge-Denk-Ort umgebaut wurde, wurde zunächst in Holzbauweise errichtet und dann als Steinbauwerk umgebaut. Die Häftlinge erhielten hier ihr Essen und nutzten die Räume zum Essen vorbereiten, kochen und essen. Einige der Häftlinge konnten sich in ihren Erinnerungen noch an den Bau der Gebäude erinnern.

Nach der Auflösung des KZ Niederhagen 1943 zogen die restlichen KZ-Häftlinge in eine Werkstattbaracke auf dem Industriehof. Das leerstehende Barackenlager wurde seit 1944 als Umsiedlungslager der Volksdeutschen Mittelstelle (Vomi-Lager) für „Volksdeutsche“ umfunktioniert, die aus den besetzten Ostgebieten ins Deutsche Reich deportiert wurden. Insassen des Lagers konnten sich daran erinnern, dass im Keller Rüben und Kartoffeln gelagert wurden.

Nach dem Krieg wurden die Baracken als „DP-Camp“ für ehemalige Zwangsarbeiter aus der Region genutzt. Ab 1946 wurden Flüchtlinge und Vertriebene in den leerstehenden Baracken untergebracht. In dieser Zeit wurde die Baracke in drei Wohnungen für Flüchtlingsfamilien umgebaut. Die Raumaufteilung, zum Teil aus Holzbarackenwänden erstellt, findet sich noch heute in dem Gebäude wieder.

Die Holzbaracken wurden bis Mitte der 1960er Jahre abgerissen, an ihrer Stelle wurden neue Wohnhäuser und eine Gewerbesiedlung errichtet. Die ehemalige Baracke wurde von der Stadt Büren in Sozialwohnungen umgewidmet.

Lediglich die steinernen Gebäude des Konzentrationslagers blieben erhalten: das ehemalige Torhaus, die Wäscherei, die ehemaligen SS-Garagen und ein Teil des früheren Krematoriums.

Die Sanierung und Restaurierung der Baracke wurde in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege durchgeführt. Das Gebäude mit all seinen baulichen Spuren aus den unterschiedlichen Nutzungsphasen wird dabei selbst zum Objekt. Wichtig sind dabei die Bauspuren aus der KZ-Zeit und die Spuren der Umnutzung zu Flüchtlingswohnungen. Der authentische Ort als bauliches Relikt trägt zur besseren Vermittlung der Geschichte bei. Im Zuge der Restaurierung wurde eine umfassende bauhistorische Untersuchung durch das Berliner Büro für Zeitgeschichte und Denkmalpflege Schulz & Drieschner GbR durchgeführt. Dadurch konnte die Baugeschichte des Anbaus dokumentiert werden.

Anhand der freigelegten Bauspuren kann nun gezeigt werden, wie ein Gebäude aus der verbrecherischen, brutalen KZ-Zeit in zivile Nutzung übergangen ist, wo Geflüchtete wieder ein Zuhause finden und in eine sichere Zukunft blicken konnten.

Parallel zu der Sanierung und Restaurierung der Baracke hat das Kreismuseum ein zweijähriges Forschungsprojekt zur wissenschaftlichen Erforschung der KZ-Geschichte gestartet, das von der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert wird. Es soll eine Chronologie der Lagergeschichte mit all ihren Nutzungsphasen erarbeitet sowie die Baugeschichte der Baracke und des Lagergeländes untersucht werden. Es werden Biographien zu den früheren Bewohnern der Baracke erforscht und Zeitzeugen gesucht.

Ziel des Projekts ist die Grundlagenforschung, um daraus eine Konzeption für eine neue Dauerausstellung zu erarbeiten, die in der Baracke installiert werden soll. Im Fokus stehen die Geschichte und Topographie des Geländes und der Baracke, die Menschen, die hier gelebt haben. Diese Ausstellung soll in 2023 eröffnet werden und wird in die Bildungsarbeit der Erinnerungs- und Gedenkstätte integriert.

Bis dahin werden wir die Baracke für Gruppen zugänglich machen und zu bestimmten Zeiten für Einzelbesucher öffnen.

Öffnungszeiten im Sommer 2021:

Öffnung der Baracke vom 10. Juli – Ende September –
jeweils an den Wochenenden von 14.00 – 18.00 Uhr (letzter Einlass 17:30 Uhr), freier Eintritt

Adresse: Neben dem Appellplatz, Ahornstr. 2 in Wewelsburg. Ca. 10 Gehminuten von der Wewelsburg entfernt.
Die Baracke ist barrierefrei für Mobilitätseingeschränkte.

Hintergrund zum KZ Niederhagen bei Wewelsburg:

Der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, hatte die Wewelsburg mit dem Ziel gepachtet, sie zu einem Führungszentrum seiner Organisation umzubauen. Die Pläne waren gigantisch. In letzter Konsequenz hätte das Dorf Wewelsburg weichen müssen. Um genug Arbeitskräfte für den Ausbau zu bekommen, wurde in unmittelbarer Nachbarschaft das KZ Niederhagen errichtet. 1285 Häftlinge starben an den qualvollen Arbeits- und Lagerbedingungen.

 
 
 

Kontakt

Frau Pitz
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Amtsleiterin, Pressesprecherin

Tel. 05251 308-9200
Fax 05251 308-899200
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