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Pressemeldung vom 04.03.2015

Hilfe für Pflegemütter und Pflegeväter: „Den Rucksack mit positiven Inhalten füllen“

70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer informieren sich bei Fortbildungsveranstaltung des Kreisjugendamtes und des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF)

Kreis Paderborn (krpb). Wenn Jason (*Name geändert) sich am Morgen für die Schule fertig macht, vergisst er in Gedanken vielleicht das Einpacken seiner Buntstifte oder die Turnschuhe. Eines aber vergisst der 8-Jährige niemals: zu schauen, ob sein Pausenbrot auch tatsächlich im Rucksack ist. Immer und immer wieder vergewissert sich der Junge, ob seine Mutter auch wirklich dran gedacht hat. Jason ist ein Pflegekind, das bisher nicht erlebt hat wie es ist, wenn sich jemand um ihn kümmert. Wie es ist, genug zu essen zu haben. Es fällt ihm schwer zu glauben, dass jetzt alles anders sein soll.

Wie gehe ich mit herausforderndem Verhalten meines Kindes richtig um? Wie gelingt es mir, das Pflegekind in unsere Familie zu integrieren? Und wie kann ich ihm dabei helfen und zur Seite stehen?

Um Antworten auf diese und weitere Frage zu finden, waren rund 70 Pflegemütter, –väter und Adoptiveltern auf Einladung des Kreisjugendamt Paderborn und des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) in die Wewelsburg gekommen. Erziehungswissenschaftler, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Dr. phil. Eberhard Krüger war an diesem Tag zu Gast, um den Teilnehmern sowohl Fachwissen über psychologische und hirnphysiologische Grundlagen zu vermitteln als auch gemeinsam mit den Fachleuten bei der Ideensuche für den Alltag zu helfen.

Pflegeeltern zu sein erfordert neben viel Geduld, Einfühlungsvermögen und Feingefühl auch die Fähigkeit, Frust mal herunter zu schlucken. Denn in der Regel kommen Pflegekinder aus schwierigen Verhältnissen und ihre Pflegeeltern nicht selten an ihre Grenzen – und das trotz aller liebevollen Bemühungen.

Der Rat des Referenten lautete deshalb, das Problem des Kindes in einem ersten Schritt zu erkennen und zu akzeptieren. Wichtig sei dann, kreative Lösungen zu entwickeln, „die nicht klassisch sind“. Denn die normalen Erziehungswege, die in Nachbarschaftsfamilien funktionieren, tun es in der Regel bei einem Pflegekind nicht.
„Kinder entwickeln in Ausnahmesituationen Bewältigungsstrategien, die ihnen in problematischen Lebenssituationen helfen, zu überleben“, erklärt Ingrid Müller vom Pflegekinderdienst des Kreisjugendamtes Paderborn die Denkmuster der jungen Betroffenen. Das können Aggressionen, Lügen und Distanzlosigkeit, aber auch Ängste vor Nähe und Berührungen oder Kontrollzwänge sein.

Von ihrer persönlichen Erfahrung berichtete am Veranstaltungstag eine anwesende Mutter. Ihr Pflegesohn sei unersättlich. Es gelinge ihm nicht, am Esstisch Maß zu halten. Ihre Reaktionen reichten dann von Ermahnungen wie „Jetzt ist aber Schluss“ bis hin zur Sorge, wieder Lebensmittel entsorgen zu müssen. Auf ihre Frage, was in diesem Fall helfen könne, gab eine betroffene Teilnehmerin einen Tipp: Sie arbeite Zuhause erfolgreich mit zwei Tellern. Auf den ersten Teller dürfe ihr Sohn alles geben, was er möchte. Direkt davon essen ist nicht erlaubt. In der Familie gelte aber das Versprechen, dass niemand - außer ihm - diesen Teller anrühren darf. Nur ihr Sohn gibt anschließend davon auf seinen Essteller, was tatsächlich auch gegessen wird.

Immer wieder stellen Pflegekinder auch die persönliche Beziehung zu ihren Pflegeeltern auf die Probe. Die Experten raten gerade dann, Respekt und Verständnis für das Verhalten des Kindes zu zeigen und die Biografie der leiblichen Eltern zu bedenken. Und auch Akzeptanz sei ein Thema: Muss ich das Verhalten des Kindes tatsächlich ändern oder kann ich vielleicht sogar damit leben? Denn die Erfahrung zeigt: „Wenn Eltern ein Thema gedanklich loslassen, können Kinder es manchmal auch“, so Ingrid Müller.

Dass es im Alltag nicht ohne Schwierigkeiten geht, wissen auch Johanna und Thomas Cremer (* Namen geändert). Doch hat das Ehepaar keine Sekunde den Schritt bereut, die kleine Melissa (* Name geändert) bei sich aufgenommen zu haben.
„Sicher ist es eine Herausforderung, ein Pflegekind mit seinem schwer beladenen Rucksack aufzunehmen“, erzählt die Pflegemutter. Doch wenn man bereit sei, sich auf das Kind einzulassen und seine Stärken in den Mittelpunkt rückt, werde man sensibel für die kleinen Fortschritt im Alltag und dankbar für jeden gemeinsamen Moment. „Wir füllen den Rucksack jetzt einfach gemeinsam mit positiven Inhalten“, ergänzt Cremer.
Melissa spürt, dass sie bei Johanna und Thomas Cremer angekommen ist. Das zeigt auch ein liebevoller Brief an die Pflegeeltern: „wir habneinefamilie WIR HALTENIMER SUSAMEN“.

Insgesamt 219 Pflegekinder lebten im vergangenen Jahr im Kreis Paderborn in Pflegefamilien.

Interessierte Personen, die mehr erfahren möchten über die Aufnahme eines Pflegekindes, können sich ganz unverbindlich bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Pflegekinderdienste informieren unter 05251 308 – 5106 (Kreisjugendamt Paderborn) oder unter 05251 12196 – 0 (Sozialdienst katholischer Frauen).

 

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